Zurück zu Aristoteles: Welche Rolle Impact Investing für die Ethik spielt

In seiner Nikomachischen Ethik formuliert Aristoteles die Eudaimonie als das für einen Menschen höchste Gut. Daraus lässt sich die ethische Implikation des Impact Investing maßgeblich ableiten. Es ist eine Form des Investierens, die eine reale und messbare positive Wirkung für Mensch, Gesellschaft und Natur darstellt und den Anleger durch die Bereitstellung von Kapital zu einem höheren Ziel führt. Dies wird immer mit einer marktüblichen Finanzrendite kombiniert.

Ethik, das ist ein großes Wort und ein jahrtausendealtes philosophisches Konzept. Die Ethik ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst und ist das methodische Nachdenken über die Moral. Im Zentrum der Ethik steht das spezifisch moralische Handeln, insbesondere hinsichtlich seiner Begründbarkeit und Reflexion. Ethik als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin geht auf Aristoteles zurück, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte. 

Aristoteles bezieht sich dabei vor allem auf den Glücksbegriff (Eudaimonie) als Kern der antiken Philosophie. Der Begriff geht auf das altgriechische „εὐδαιμονία“ zurück, das so viel bedeutet wie „von gutem Geist“. Den antiken Philosophen, allen voran Platon (Schüler des Sokrates und Lehrer des Aristoteles), gilt die Eudaimonie als gewichtiges Thema, das ethisch recht hochkarätig belegt ist. So unterscheidet beispielsweise Platon zwischen dem erfreulichen Zustand Eudaimonie als hohem Wert und der Lust (hēdonḗ), die er als Gut niederen Ranges betrachtet. Mit Eudaimonie meint er das vollkommene, absolute Gute, das in der platonischen Werteordnung höchsten Rang einnimmt. 

In seiner Nikomachischen Ethik (zit. mit dem Kürzel „NE“) formuliert Aristoteles die Eudaimonie als das für einen Menschen höchste Gut. Das Endziel ist die Erlangung des eigentlichen Guten, das an der Spitze aller Güter steht. Somit besteht die Hauptaufgabe der philosophischen Ethik darin zu bestimmen, was das höchste Gut ist. Bei Aristoteles heißt es konkret: „Jede Technik und jede Methode, desgleichen jedes Handeln und jedes Vorhaben zielt, wie es scheint, auf irgendein Gut ab; deshalb hat man das Gute treffend als das bezeichnet, worauf alles abzielt.“ (NE I 1, 1094a) 

Sustainable Development Goals besitzen eine dezidierte ethische Ebene

Im Historischen Wörterbuch der Philosophie (1972) heißt es: „[…] Aristoteles [bestimmt] das Glück als das höchste Gut, das alle um seiner selbst willen wollen, inhaltlich als ‚Verwirklichung der Seele gemäß der Tugend‘ in einem Stande, in dem der Mensch ‚gemäß vollendeter Tugend und Tüchtigkeit‘ tätig ist und über die äußeren Güter im ausreichenden Maße verfügt, nicht eine zufällige Zeit, sondern in einem vollendeten Leben, das nicht über sich hinausweist.“ (DOI: 10.24894/HWPh.5119) 

Was heißt das jetzt fürs Impact Investing? Oft wird in der Finanzwelt von ethisch-nachhaltiger Geldanlage, nachhaltigem, ökologischem und sozial verantwortlichem Investment gesprochen (englisch socially responsible investment, SRI). Das bezieht sich dann wiederum stark auf die Maßgaben der Sustainable Development Goals (SDG, „17 Ziele für nachhaltige Entwicklung“). Mit diesen Kriterien werden die Bereiche definiert, in denen sich Anleger nachhaltig engagieren können. Die „17 Ziele für nachhaltige Entwicklung“ sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen (UN), die weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen und eine dezidierte ethische Ebene besitzen. Nachhaltig können Investitionsprojekte aber vor allem nur dann sein, wenn sie auch finanziell sinnvoll und ertragreich sind, sodass sie sich langfristig wirtschaftlich durchsetzen, was das Impact Investing als entscheidende Vorgabe beinhaltet. 

Das Gutsein ist der höhere Zweck und das Ziel der Existenz

Ethik stellt nach allgemeiner Auffassung Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und für die Bewertung seiner Motive und Folgen auf und befasst sich mit den drei Fragen nach dem „höchsten Gut“, dem richtigen Handeln in bestimmten Situationen und der Freiheit des Willens. Gerade bei der Frage nach dem „höchsten Gut“ hilft eben Aristoteles mit seinem Eudaimonie-Konzept weiter: Das Gute ist ein verbindendes, übergeordnetes Prinzip, das sich nicht in Details verstrickt und auch nicht nur in Bruchstücken verstanden werden kann. Der, der wirklich gut sein will, muss dies als Globalziel anerkennen. Es reicht nicht aus, temporär gut zu sein. Das Gutsein ist der höhere Zweck und das Ziel der Existenz (vgl. PETERS (2021): „Leadership im Geiste der Antike: Aristoteles und die Grundlagen von Purpose im New Normal“, https://www.allensbach-hochschule.de/leadership-im-geiste-der-antike-aristoteles-und-die-grundlagen-von-purpose-im-new-normal/).

Daraus lässt sich die ethische Implikation des Impact Investing maßgeblich ableiten. Schließlich geht es bei dieser Investmentphilosophie um nicht weniger als eine sinnvolle und zeitgemäße Form des Investierens, die nicht mehr nur die finanzielle Rendite für den Einzelnen zählt, sondern immer auch die positive und nachhaltige Wirkung für die Allgemeinheit. Es ist eine Form des Investierens, die eine reale und messbare positive Wirkung für Mensch, Gesellschaft und Natur darstellt (vgl. „Impact Investing-Manifest“). Ethik und Investmenterfolg müssen folglich eine Einheit bilden, und das Impact Investing ist nicht rein unter dem Aspekt der ‚ethischen Rendite‘ zu betrachten. Das ist wichtig, um diese Anlagephilosophie wirklich zu verstehen.

Impact Investing verleiht der Geldanlage neue und tiefgehende Legitimation

Diese Philosophie kann einem Investment neue und tiefgehende Legitimation verleihen und den Anleger durch die Bereitstellung von Kapital zu einem höheren Ziel führen: Er erreicht, im aristotelischen Sinne, das große Gute durch das Impact Investing. Das Investieren ist nur Mittel zum Zweck. Eudaimonie, Glückseligkeit, wird um ihrer selbst willen erstrebt (das sogenannte Ergon-Argument). Die finanzielle Rendite dient zur Zweckerfüllung und ist demnach kein Selbstzweck. Alle Güter werden nur benötigt, um dieses Ziel der Eudaimonie zu erreichen. Damit ist Eudaimonie das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns und das „Erstrebenswerteste von allem, und zwar so, dass man ihm nichts mehr hinzufügen kann“ (NE I 5, 1097b).

Aristoteles will nicht erklären, was den Menschen glücklich macht. Er fragt sich vielmehr, wie das Leben zu Eudaimonie führen kann. Das kann nur durch echte Handlungen gelingen, die das Gute fördern. Der Sinn des Lebens ist Eudaimonie. Diese kann nicht hedonistisch-individualistisch gelingen, sondern allein durch die Kultivierung einer sinnvollen, zweckgerichteten Existenz. Damit kann das Impact Investing helfen, dieses Ziel zu erreichen. Bezogen auf das Impact Investing können Aristoteles‘ Äußerungen in der Nikomachischen Ethik im Zusammenhang mit der ganzheitlichen Betrachtung einer Investitionsentscheidung und deren Auswirkungen auf Mensch und Erde gesehen werden. Durch die Förderung eines übergeordneten sozialen und/oder ökologischen Zwecks führt die Investition zu einem Gefühl des Glücks und stellt die Eudaimonie im Sinne von Aristoteles‘ Tugendethik her. Impact Investing ist damit in vielerlei Hinsicht ethisch und unterstützt die persönliche Ethik sowie die persönliche Entwicklung des Investors selbst, der damit einen individuellen Glückszustand weit über dem alltäglichen Maß erreicht.

Über den Autor: Prof. Dr. Patrick Peters

Prof. Dr. Patrick Peters ist Professor für PR, Kommunikation und digitale Medien an der Allensbach Hochschule, Wirtschaftspublizist und Kommunikationsberater. Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Finanzindustrie und berät vor allem Vermögensverwalter, Finanzdienstleister und Unternehmen, die sich dezidiert mit dem Thema der Nachhaltigkeit befassen. Er ist Chefredakteur von impactinvestings.de.

Prof. Dr. Patrick Peters
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