Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne

Der Soziologe und Publizist Harald Welzer hat mit Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens eine ebenso spannende wie hochaktuelle Betrachtung über den Modus der Endlichkeit in Leben und Wirtschaften geschrieben. Selbst die zum Teil unangenehme Arroganz des Autors tut der Relevanz von Nachruf auf mich selbst keinen Abbruch. Das ist auch für Impact-Investoren ein interessantes Gedankengebäude.

Einem sozialwissenschaftlich interessierten Publikum und der einschlägigen Wissenschaft sowieso ist Harald Welzer lange bekannt. Immerhin ist der 63-Jährige, der heute vorrangig als Publizist tätig ist, promovierter und habilitierter Soziologe und zudem habilitierter Sozialpsychologe, seit Juli 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, wo er das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research leitet, und Herausgeber von taz.FUTURZWEI, einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Politik und Zukunft. 

Breitere Wirkung hat Harald Welzer aber erst kürzlich erzielt. Im Frühling 2020 erlitt Welzer einen Herzinfarkt, mitten im ersten Covid-19-Lockdown. Dieses Schockmoment hat der Autor in seinem Werk Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens verarbeitet und in die gegenwärtige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft eingeordnet. Die Kernaussage: Harald Welzer stellt fest, dass unsere Kultur kein Konzept vom Aufhören hat. Seiner Ansicht nach optimieren wir das Falsche, anstatt es sein zu lassen.

Welzer echauffiert über eigentlich alles, was ihm nicht in den Kram passt

Beispielsweise echauffiert sich Harald Welzer über das Beispiel der sogenannte Gigafactory des Automobilkonzerns Tesla, das mit großem Aufwand und viel staatlicher Subvention in Berlin-Brandenburg errichtet wird. Welzer hält das Auto für vollständig anachronistisch und damit das Projekt für „geradezu irre, wenn man sich überlegt, dass dieses in ökologischer, politischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht völlig antiquierte und falsche Signale setzende Gigaprojekt nach einem halben Jahrhundert Umweltbewegung euphorisch begrüßt wird. Wo Karl Marx noch drei Quellen der Wertschöpfung benannt hatte – Kapital, Arbeit und [sic] Natur –, bleibt heute nur noch der geradezu dümmliche Blick auf ‚erwartbare Ergebnisse‘ übrig.“ (S. 114)

Nun echauffiert sich Harald Welzer über vieles, eigentlich alles, was ihm nicht in den Kram passt. Das nervt bisweilen und lässt eine intellektuelle Arroganz zu Tage treten, die sicherlich nicht bei allen gut ankommt und die er eigentlich auch gar nicht nötig hat. Auf der anderen Seite, und das ist das Entscheidende, weiß Harald Welzer schlicht und einfach, wovon er schreibt. Wie der Sozialwissenschaftler die Welt betrachtet und bewertet, hat Hand und Fuß. Seine Analysen sind treffend, wenngleich schmerzhaft, und schonungslos ehrlich. Dass er seine Beobachtungen zur Kultur des Aufhörens an seiner persönlichen Krankheitsgeschichte aufzieht (sein Herzinfarkt hätte ohne weiteres tödlich enden können), gibt Nachruf auf mich selbst noch einmal eine besondere Tiefe und errichtet eine besondere Verbindung zu den Leser:innen (zumindest darf der Autor dieses Artikels von sich behaupten). 

„Die Moderne lebt von der Illusion der Grenzenlosigkeit“

Eine solche fundierte Innensicht ohne anbiedernde Esoterik, die auf die Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung des Menschen abzielt, wie man sie beispielsweise von Paulo Coelho und anderen Erbauungsautor:innen kennt, ist selten. Daher muss man Harald Welzer danken, gerade auch für Gedanken wie diesen: „Die Moderne lebt von der Illusion der Grenzenlosigkeit, aber durch das 21. Jahrhundert kommen wir nur, wenn wir das Leben und das Wirtschaften im Modus der Endlichkeit verstehen.“ (Klappentext)

Aber was bedeutet Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens für das Impact Investing, immerhin treibendes und namensgebenden Thema des Impact Investing-Magazins? Kurz gesagt, hat auch das Impact Investing immer mit Aufhören zu tun. Nämlich mit dem Ende des konventionellen Investierens und der Hinwendung zu einer dezidiert positiven Wirkung eines Investments. Die positive ökologische und/oder soziale Wirkung eines Investments muss beim Impact Investing direkt, gezielt, nachweisbar und messbar erfolgen: Die bisherige künstliche Trennung eines Investments von seinen (Aus-)Wirkungen wird damit aufgehoben.

Zentrale Frage: Wer will ich gewesen sein?

Ohne dass diese Investmentphilosophie genannt, finden sich zuhauf Gedanken bei Welzer, die man auf das Impact Investing münzen. So zum Beispiel im ‚Fallbeispiel‘ von Christiane zu Salm, deutsche Medienunternehmerin und Kunstsammlerin. Er zitiert aus deren „Nachruf über sich selbst“: „Die zentrale Frage: Wer will ich gewesen sein, die ist monumental. Sie ist existenziell.“ (S. 190)

Das ist eine Frage, die in der Praxis auch Impact-Investoren umtreibt. Sie suchen einen Weg heraus aus der überholten rein finanziellen Erfolgsmaxime und hin zu einem ganzheitlich gedachten Einsatz finanzieller Mittel, um die Welt „ein bisschen besser zu machen“. Für sie ist Impact Investing ein wichtiger Schritt zur systemischen Veränderung unserer Wirtschafts- und Finanzordnung und eine sinnvolle und zeitgemäße Form des Investierens. Denn bei dieser zählt eben nicht mehr nur die finanzielle Rendite für den Einzelnen zählt, sondern immer auch die positive und nachhaltige Wirkung für die Allgemeinheit. Indem sie sich den drängenden Themen unserer Zeit widmen, schaffen sie etwas, das bleibt, einen nachhaltigen Wert, der die Frage „Wer will ich gewesen sein?“ positiv beantworten kann.

Wichtige Aussagen für Impact-Investoren!

Zum Schluss seines Buches formuliert Harald Welzer seinen Nachruf auf sich selbst in 13 Punkten, von denen so manche auch aus einem Handbuch für Impact-Investoren stammen könnten. So wolle er über sich lesen, er habe „einen Unterschied gemacht“, „Menschen Handlungsspielräume eröffnet“ und „keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die zukünftige Menschen in ihrer Entfaltung beeinträchtigen“ (S. 235ff.). Das sind Aussagen, die auch Impact-Investoren gut zu Gesicht stehen und den Kern von Impact Investing treffen. 

So auch dieser Satz: „Wir müssen Ideen und Visionen verfolgen und umsetzen, die auch dann gut wären, wenn es weder Artensterben noch Ozeanvermüllung noch Regenwaldrodung gäbe. Anders gesagt: Eigentlich macht man es sich viel zu bequem, wenn man sich nur dann bewegt, wenn der äußere Problemdruck es unvermeidlich macht. Es gibt auch ohne Druck Grund, die Dinge besser zu machen, als sie sind.“ (S. 258f.) Es geht also um eine existenzielle Veränderungsbereitschaft, die das große Ganze im Blick hat und sich nicht in Details verstrickt. Das will auch das Impact Investing: eine positive Veränderung des Big Picture!

Die Lektüre von Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens lohnt sich. Sie kann motivieren, alte Muster zu beenden und Neues zu beginnen und die Gedankenwelt auf die Zukunft einzustellen. Und das ganz ohne die nicht beneidenswerte Nahtoderfahrung des Herzinfarkts.

Harald Welzer (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. 288 Seiten, 22 Euro (als E-Book 18,99 Euro)

Über den Autor: Prof. Dr. Patrick Peters, MBA

Prof. Dr. Patrick Peters, MBA ist Professor für PR, Kommunikation und digitale Medien an der Allensbach Hochschule, Wirtschaftspublizist und Kommunikationsberater. Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Finanzindustrie und berät vor allem Vermögensverwalter, Finanzdienstleister und Unternehmen, die sich dezidiert mit dem Thema der Nachhaltigkeit befassen. Er hält einen MBA mit Fokus auf Leadership und Ethik. Er ist Chefredakteur von impactinvestings.de.

Prof. Dr. Patrick Peters
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